Geschichte der Darßer Haustüren

Kommt ein Besucher das erste Mal auf den Darß ist er oft verwundert über die ungewöhnlichen Haustüren. Bunt bemalt und mit reicher geschnitzter Ornamentik geschmückt sind sie das einladende Antlitz vieler Häuser. Was hat es damit auf sich? Ist dann die oft gestellte Frage.

Wohl jeder Einheimische kann ihm, nicht ohne Stolz, die Geschichte der Darßer Türen erzählen.

 

Vor über 200 Jahren waren die Darßer geschickte Seefahrer, die mit ihren zahlreichen Segelschiffen Frachten über die Nord- und Ostsee und sogar bis ins Mittelmeer steuerten.
Diese Tätigkeit brachte einen gewissen Wohlstand in die sonst mit Erwerbsmöglichkeiten nicht gerade gesegnete Gegend. Sichtbaren Ausdruck fand dies auch in vielen stattlichen neuen Häusern. Nicht zuletzt spiegelte sich die erfolgreiche Seefahrt in den repräsentativen Haustüren wider. Als Weitgereiste und mit dem Leben in der Welt Vertraute wussten die Seeleute was in den großen Seestädten gerade Mode war und holten sich ein Stück davon in ihre dörfliche Welt.
Um das Jahr 1800 prägte der Klassizismus mit seinen vielen Zitaten aus der griechisch-römischen Antike die Kultur in Deutschland. Besonders in Norddeutschland fand dieser Stil eine lebensvolle Ausprägung.

 

Nun wollte und konnte man mit dieser neuen Stilrichtung auf dem Darß nicht die alten Gewohnheiten ablegen. Und so flossen bei den Türen die verwurzelten Traditionen und die damals neueste Mode zusammen. Das Ergebnis waren Tischlerarbeiten mit griechischen Giebeln, Säulen und Mäandern, wie auch Lebensbäumen, Sonnen und versteckter magischer Symbolik.

 

Der Hauseingang war nie nur Mittel zum Zweck, er hatte auf dem als abergläubisch bekannten Darß immer auch eine tiefere Bedeutung. Die Schwelle des Hauses sollte besonders gewappnet sein gegen alles Schlechte, das ins Innere eindringen könnte. Weit verbreitet war der Glaube an Hexen und Dämonen. So findet sich ein heidnisches Sonnenkreuz versteckt in einem Blattornament. Tulpensträuße stehen symbolisch für den Lebensbaum. Schuppenartige geometrische Ornamente schützen vor Blitzschlag. Man kann auch vermuten, dass die fast verwirrende Vielzahl der Details böse Geister bannen sollte. Andererseits sind die Türen immer Ausdruck von Lebensfreude und positiven Aspekten gewesen. So werden halbe Sonnen als aufgehendes Gestirn interpretiert, Blütenmotive sind ein beliebter Schmuck.

 

Die alten Darßer Türen sind zwischen 1790 und 1850 entstanden. Dann kamen sie aus der Mode und wurden von schlichteren, mehr städtisch eleganten Kassettentüren abgelöst. Bis auch diese um 1900 dem Stil der Gründerzeit wichen.
Fast wären die Türen im Dunkel der Geschichte verschwunden. Ein paar glückliche Umstände haben sie dann davor bewahrt. Ein Grund liegt darin, dass man sich nach dem recht abrupten Ende der Segelschifffahrt um 1880 keine neuen Türen leisten konnte. So blieb eine ganze Anzahl, mehr oder weniger gut bewahrt, bis in das 20. Jahrhundert erhalten. Für die Darßer waren sie mittlerweile zwar Erinnerungen an glanzvolle alte Zeiten, aber einem Austausch der nun fast hundert Jahre alten Stücke stand man nicht abgeneigt gegenüber. Die Wende und Rettung für viele alte Darßer Türen brachte ein Neubau und eine neue Tür. 1931 ließ der damalige Bürgermeister Heinrich Bierbaum, der aus Kiel stammte und eine Prerowerin geheiratet hatte, ein neues Gemeindeamt bauen. Heute das Haus des Kur- und Tourismusbetriebes am Gemeindeplatz 1.
Er setze durch, dass alte Traditionen aus der stolzen Segelschifffahrtszeit wieder auflebten. Das Gebäude wurde in Fachwerk mit verbretterten Fassaden, mit Rohrdach und mit Darßer Haustür errichtet. Die seit 1832 bestehende Tischlerei Roloff baute nach fast einhundert Jahren wieder die erste Tür mit den bekannten Schnitzereien. Noch heute zeigt sie Tulpenstrauß, Sonne, Blüte und Anker.
Nun sahen die Darßer ihre Hauseingänge mit etwas anderen Augen. Was für das wichtigste Gebäude des Ortes passte, konnte für die eigenen vier Wände nicht das Schlechteste sein.

 

Und etwas Neues kam hinzu. Die Tür des Gemeindeamtes war von Anfang an bunt bemalt! Das stand ihr gut!
Bis dahin war man Einfarbiges gewöhnt. Bei der alten reichen Ornamentik erscheint ein buntes Bild auch oft fehl am Platz. Zudem war ja vom Anstrich der Schiffe immer ein Pott Farbe übrig, der war an dieser Stelle noch nutzbringend zu verwenden. So taucht das Grün hier gerne auf, neben Grau und der eigentlichen Darßer Nationalfarbe Rotbraun ( Eisenoxidrot ). Wer bei letztem Farbton an Schweden denkt, liegt da nicht ganz falsch. Ein wenig sollten die 167 Jahre Zugehörigkeit zu nordischen Königreich schon abgefärbt haben.

 

Wer hat diese Kunstwerke früher eigentlich gebaut?
Waren es die Seefahrer, die ja unbestritten die filigransten Werke basteln konnten? Man denke nur an die berühmten Buddelschiffe!
Es gibt wohl keinen Zweifel daran, dass die Türen ohne die Seefahrt so nicht entstanden wären.
Mit den vom Wind geblähten Segeln trieb mehr Wohlstand auf den Darß, als in manch anderem Ort fern der Küste zu finden war. So konnte sich im frühen 19. Jahrhundert eine ausgeprägt eigenständige Kultur entwickeln. Die wirtschaftlich aufblühende Region zog Handwerker aus den Städten an und entwickelte eine rege Nachfrage nach qualitätvollen Tischlerarbeiten.
Die Türen sind stets nach den damaligen Regeln der Kunst von erfahrenen Fachleuten gebaut worden. Ohne Kenntnis und Übung der Techniken kommt man hier nicht weit. Zudem erfordert die handwerkliche Herstellung einer geschnitzten Tür neben einer Hobelbank etwa vierzig verschiedene Werkzeuge.
Wenn Ihnen also ein besonders schlauer Fahrensmann erzählt: „De Darßer Dören würdn ümmer up See bugt", dann lassen Sie sich keinen (See-)Bären aufbinden!

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